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toshiya 05/07 - Marié Niino - Karate leben

Marié Niino - Karate leben

Mein kleines Universum dreht sich um Karate. Täglich bin ich in unserem Dojo, trainiere selbst, leite Training, bereite Lehrgänge vor und jedes Wochenende bin ich unterwegs, besuche Dojos, gebe Lehrgänge. Dabei werden viele Fragen zu meiner Person gestellt und aus dem Kreis der Leser von toshiya haben mich viele aufgefordert, etwas über mich selbst und die Entstehung von toshiya zu schreiben.

Eigentlich bin ich mit meinen 30 Jahren gerade mal am Anfang meiner Karateentwicklung und noch zu jung, um etwas Interessantes mitteilen zu können. Aber ich beuge mich dem Wunsch, auch wenn es mir schwer fällt. Dass ich mich entschlossen hatte, ein Magazin herauszugeben, hat natürlich eine Vorgeschichte. Also fange ich mal ganz, ganz vorne an.

Marie_Niino_geigeDer Weg zum Karate führte über Judo
Meine Eltern sind Japaner und waren nach dem Studium genau wie alle Hochschulabsolventen in Tokyo überzeugt, dass eine Karriere als Berufs- musiker am besten mit einer Anstellung in einem europäischen Orchester zu beginnen sei. So entschlossen sie sich nach ihrem Studium der Musik, für einige Jahre in Deutschland ihr Glück zu suchen. Es war ein besonderer Zufall, dass beide im selben Orchester, der Südwestfälischen Philharmonie, eine Anstellung fanden. In diesem Klangkörper musiziert meine Mutter heute noch als Erste Geigerin. Somit wuchs ich in einem kleinen Städtchen im Siegerland auf und wurde streng japanisch, also traditionell erzogen. Immer nach dem Leitsatz: Wer das Große will, muss zunächst das Kleine tun! Gerne erinnere ich mich an meine Kindergartenzeit und die vielen Überraschungen, die es mit der fremden Kultur dort täglich zu erleben gab. Die Schulzeit durfte ich in einem konservativ geführten Gymnasium mit
allen Vor- und Nachteilen erleben. Es gab natürlich Fächer, die mich mehr interessierten als andere. Darunter leide ich heute noch. Dem Sportunterricht galt natürlich meine besondere Aufmerksamkeit, jedoch wurden meine Ansprüche nicht vollends befriedigt. So probierte ich altersgemäß einige Dinge aus, frei nach dem Motto, übe vieles, aber in einer Sache mache Deinen Meister. Ich spielte selbstverständlich Baseball, die beliebteste Sportart Japans, übte mich in Leichtathletik, Skateboard und Schwimmen.

Marie_Niino_dojo_japanIch bin froh, dass mir insbesondere meine Mutter die Freiheiten gewährte, meine sportlichen Interessen auszutesten. Sie orientierte sich dabei an einem japanischen Sprichwort: Der Frosch, der im Brunnen lebt, beurteilt das Ausmaß des Himmels nach dem Brunnenrand. In Deutschland gibt es wohl sinngemäß mit "Wer nur die Heimat kennt, kennt auch diese nicht richtig" ein entsprechendes Pendant. Jedenfalls wurde mein sportlicher "Brunnenrand" immer größer und dann kam ich in Siegen, einer verschlafenen Kreisstadt mit 120.000 Einwohnern, zum Judo. Ich war 8 Jahre alt und der dortige väterliche Trainer Heiner Kleinert bemühte sich sehr intensiv um meine Fortschritte. Zu der Zeit dachte ich schon, ich hätte es gefunden. Auch heute noch denke ich mit Wehmut an diese Zeit zurück und ich würde mich gerne noch einmal intensiv mit Judo auseinandersetzen. Nach einigen Jahren machte Heiner einen Fehler. Auf Grund meiner Fortschritte verlangten alle von mir, dass ich an Turnieren teilnehmen sollte. Nachdem ich westdeutsche Judomeisterin in der Gewichtsklasse - 45 kg geworden war, beendete ich das Training, weil ich Wettkämpfe regelrecht hasste. Zeitgleich kam die Erlösung in Form eines Plakates, welches in meinem Heimatstädtchen aushing und für einen Karate-Anfängerkurs warb. Der Verein hieß Zanshin Siegerland und war gerade erst von Erich Dreisbach gegründet worden. Ich kam also in den ersten Anfängerkurs und war von der ersten Minute an von dieser Kampfkunst fasziniert. Besonders auch deshalb, weil es ja keine Wettkämpfe im Karate gab - dachte ich!

Marie_Niino3Der Wettkampf kam für mich sehr spät
In den folgenden Jahren genoss ich ein äußerst strukturiertes Training und ich steigerte die Trainingszeiten von anfangs dreimal auf fünfmal wöchentlich. Die Trainingsgemeinschaft war ähnlich verrückt wie ich selbst und an Wochen- enden fuhren wir zu Karate-Lehrgängen. Unser Trainer ermunterte uns dazu, so wie die Geschichte mit den Fröschen und dem Brunnenrand. Mitunter zeigten uns diese Wochenend- Lehrgänge auch nur, wie gut wir es in unserem Dojo hatten. Aber ich lernte auch interessante Trainer kennen, allen voran Ochi Sensei. Natürlich fuhren wir regelmäßig zu den Gasshukus und die Liste all der Trainer ist sehr lang, deren Wissen ich aufsaugte. Dabei war mir Kumite genauso recht wie Kata und Kihon. Ich ließ mich gerne von Risto Kiiskilä mit seinen endlosen mae geri Sequenzen fordern oder von Toribio Osterkamps brillanten Techniken beeindrucken. Einige meiner damaligen Favoriten waren Sugimura Sensei und Akita Sensei. Aber auch all die anderen großen Meister wie Ida Sensei, Tanaka Sensei, etc. haben mich stark geprägt. Meine Eltern ließen mir mit meinem Engagement für das Karate-Training sehr viel Freiraum, solange ich nicht meine Schule und meinen eigenen Musikunterricht vernachlässigte. So bekam ich insgesamt 11 Jahre Klavierunterricht und 23 Jahre Geigenunterricht. Mittlerweile sehe ich viele Parallelen zwischen dem Musik- und Karateunterricht. Dann eines Tages überraschte mich mein Trainer mit dem Vorschlag, an einem Turnier  teilzunehmen. Bis dahin, ich war Braungurt, hatte ich keine Ahnung davon, dass man im Karate überhaupt Turniere veranstaltet. Damit legte sich ein schwacher Schatten auf mein Leben. War ich doch gerade wegen der Wettkampfangst vor Judo nach dem wettkampflosen Karate geflüchtet.

Die Stimmung unter uns Jugendlichen war aber hervorragend und die Ausflüge zu den Wettkämpfen entwickelten sich zu richtigen Events. Ich glaube, alle, die damals dabei waren, erinnern sich noch gerne an diese Zeit. Der Leistungsdruck seitens meines Vereins war nicht so groß, aber die Erfolge stellten sich bei allen aus unserem Dojo recht schnell ein. Wir brachten so manchen Pokal mit ins Siegerland und gewannen einige Landesmeisterschaften, in Kata und Kumite. Ich startete damals natürlich auch in Kumite und wurde als Jugendliche mehrfach Landesmeisterin in Nordrhein Westfalen. Als ich in den Altersbereich der Juniorinnen gewachsen war, spezialisierte ich ich auf den Kata-Wettkampf, vernachlässigte aber im Training nicht das Kumite, weil`s soviel Spaß machte.

Was kommt nach der Wettkampfzeit?
International startete ich für den DKV in der Disziplin Kata-Team und auch einige Jahre im Kata Einzel. Bei ordentlichen Europameisterschaften gewann ich zweimal die Bronzemedaille und in meiner Stilrichtung Shotokan wurde ich fünfmal Europameisterin und bei meiner einzigen Teilnahme an einer Shotokan Weltmeisterschaft konnte ich auch den Titel einer Weltmeisterin mit nach Deutschland nehmen. Im Jahre 2004 gab ich dem Sportdirektor des DKV Peter Betz mein Ausscheiden aus dem Bundeskader bekannt. Es entwickelten sich während dieser internationalen Jahre sehr interessante zwischenmenschliche Begegnungen und ich konnte auch Städte wie Paris, Moskau, Mexico City, Mailand, Sofia, Tokyo oder Wien trotz Wettkampfs genießen.

Auf Grund eines wohl durchdachten Trainingsplanes meines Heimtrainers habe ich die intensive Trainingsperiode in meinem Leben, die sich über mehr als 10 Jahre zog, gesundheitlich gut überstanden und ich fühle mich gut. Rückblickend kann ich sagen, dass es eine interessante Zeit war - aber ich bin auch froh, dass ich mich wieder Karate in all seiner Vielfalt und Ausprägung widmen kann. Ich hatte das Glück, dass ich nie einseitig trainieren musste, sondern schon immer die Freiheit hatte, meinen Focus auch auf die Zeit nach dem Wettkampf richten zu können. Ich kenne viele ehemalige Leistungssportler, denen nichts von Karate nach ihrer Wettkampfzeit geblieben ist und die kein technisches Fundament hatten, auf dem sie hätten aufbauen können. Schon während meiner Turnierzeit hatte ich es nicht versäumt, den Blick auch nach Japan zu richten, um mich dort an der Quelle zu orientieren. Ich bin regelmäßig ein- bis zweimal jährlich im Land meiner Vorfahren gewesen und habe dort den Kontakt zu Karatemeistern gesucht.

Natürlich habe ich auch im JKA Honbu-Dojo und bei verschiedenen Universitäten trainiert. Heute trainiere ich täglich, ähnlich wie zu den Zeiten als ich noch startete. Aber der Trainingsinhalt ist anders. Jetzt widme ich mich den Inhalten, die mein Sensei in Japan mir zu üben aufträgt. Man muss natürlich irgendwann wissen, was man will. Ich bin froh, dass ich auf meiner Suche nach einem Sensei, der mir in meiner Fortentwicklung entscheidende Impulse geben kann, auf Ishikawa Sensei gestoßen bin und dieser mich auch angenommen hat. Man kann nicht sein ganzes Leben lang von einem Lehrgang zum nächsten fahren, sich unterhalten lassen und Karate der unterschiedlichen Lehrer teilweise kopieren wollen. In Japan sagt man: Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen. Das ist überhaupt sehr interessant. Viele Karateka bestehen ihren 1. Dan, dann vielleicht noch den 2. Dan und dann trainieren sie nur noch für sich alleine oder ihre Tätigkeit erschöpft sich in der Leitung von Trainingseinheiten in ihrem Dojo. Steht wieder eine Prüfung an, weil eine gewisse Zeit vergangen ist oder andere Schüler bedrohlich nachgerückt sind, bereitet man sich darauf ein Vierteljahr vor, fährt in dieser Zeit noch einige Male auf einen Lehrgang, macht Prüfung und das war's dann.

Marie_Niino4Auch als Trainer und Dojoleiter nie die eigene Entwicklung vernachlässigen
Aus Japan kenne ich das anders. Da stehen abends gewachsene Persönlichkeiten mit 3., 4. oder 5. Dan im Dojo und trainieren bei ihrem Sensei Tag ein, Tag aus, jahrelang. Manche leiten auch Training in anderen Gruppen, aber die eigene Entwicklung, das eigene Training wird nicht vernachlässigt. Hier bei uns in Deutschland verselbständigen sich viele Dinge im Karate und entwickeln sich von den Wurzeln weg. Manche interpretieren und verwässern diese Kampfkunst und merken nicht, wie sie sich immer weiter vom eigentlichen Weg entfernen. Damit ich nicht derselben Gefahr erliege, fahre ich zweimal jährlich für einige Wochen nach Japan und ich habe das Glück, dass Ishikawa Sensei auch zweimal im Jahr für jeweils drei Wochen bei mir zu Hause zu Gast ist und mir im täglichen Training Dinge vermittelt, von denen ich zuvor keine Kenntnis hatte. Ich habe oft den Eindruck, dass ein Menschenleben zu kurz ist, um alle Facetten von Karate kennen zu lernen. Schon während meines Studiums hatte ich gemerkt, dass sich der Lehrerinnen-Beruf nicht zu meinem Gravitationszentrum entwickeln lassen würde. Ich bewundere Menschen wie Albrecht Pflüger, der jahrzehntelang mit hoher Motivation bis zum letzten Tag in voller Inbrunst als Pädagoge tätig war. Bei meinen Überlegungen hinsichtlich meiner beruflichen Zukunft geriet ich auch nicht in den Sog des Erinnerns und vermied es, bei meinem Landesverband anzuklopfen, um nach einem kleinen Posten nachzufragen.

Gegen Ende der Studienzeit hatte ich schon parallel ein Fernstudium des Sportmanagements mit Erfolg absolviert und ich versuchte durch die Gründung des Unternehmens Saiko Sports ein wirtschaftliches Standbein zu schaffen. Auf Grund vieler Anfragen, Lehrgänge zu leiten, kam ich natürlich endlich wieder mit jenen Menschen näher in Kontakt, die Karate mit reinem Herzen, voller Inbrunst und im besten Falle auch absichtslos betreiben. Menschen, die einfach nur Karate trainieren und vieles zu unserer Kampfkunst wissen möchten. Erschreckend war zum Teil für mich, wie wenig Verständnis und Hintergrundwissen mancherorts zu unserem Karate-Do besteht. Karate-Seminare zu leiten ist mehr, als nur eine Technikabfolge zu demonstrieren und üben zu lassen. Wichtig für das Gesamtverständnis dessen was man im Training tut, sind zum einen natürlich Grundkenntnisse der Bewegungslehre und Anatomie,aber viel wichtiger noch:der Bedeutungsinhalt einer Technik, seine Historie und Entwicklung, alle Fakten, die seine Effizienz und Wirksamkeit unterstützen.

toshiya_05 Insbesondere die Kenntnis um die Verwobenheit von Karate-Do mit der japanischen Kulturgeschichte, den Traditionen und den Sitten und Gebräuchen meines Heimatlandes führen erst zum tieferen Verständnis unserer Kampfkunst. Da auch die Jugendlichen auf meinen Lehrgängen einen starken Drang um dieses Wissen zum Ausdruck brachten und gerade die erwachsenen Anfänger - unerheblich von der Graduierung des Einzelnen - immer wieder grundlegende Fragen zur Interpretation und Geschichte von Techniken stellten, reifte in mir der Entschluss, diese Fragen im Rahmen eines Magazins zu beantworten. Es gärte recht lange in meinem Herzen und man weiß ja nie, ob's später Essig oder Wein wird, was bei einem solchen Prozess letztlich rauskommt. Aber im Dezember 2006 war sie da: die erste Ausgabe unseres Magazins. Und ich glaube, es ist ein ganz guter Wein geworden.

Die beiden Säulen meines Lebensunterhalts Saiko Sports und toshiya beanspruchen natürlich sehr viel Zeit und auch Energie. Trotzdem trainiere ich natürlich täglich all jene Techniken, die mir mein Sensei zur Übung aufträgt. Es gibt noch so viele Ecken und Winkel im Karate, von denen ich bisher keine Kenntnis hatte und in die ich noch nie geleuchtet hatte. Ich bin froh, dass ich trotz meines 3. Dans einen Lehrer habe, dem ich vertrauen kann und der mich zur nächsten Stufe leitet. Mittlerweile habe ich das Gebirge von unnötigem Karate-Ballast, der sich trotz guten Trainings in den letzten Jahren angesammelt hatte, abgetragen. Man muss auf seine eigene Karate-Entwicklung natürlich ein aufmerksames Auge haben. Der Mensch wächst in die Welt hinein durch Nachplappern von Wörtern. Das ist gut, darf aber nicht so bleiben. Und gelegentlich muss man einfach inne halten und überlegen, ob man nicht einfach in den Sog eines Trends geraten ist und karatemäßig dabei irgendwo eine Abzweigung verpasst hat. In Japan sagt man: Auch wenn der Schuh neu ist, taugt er nicht als Mütze.

Die Dojoleiter ziehen den Karren
In Zukunft möchte ich intensiv daran arbeiten, meinen unscharfen Bedeutungsrändern im Karate noch mehr Kontrast zu verleihen. Das erworbene Wissen und die Fertigkeiten gebe ich gerne im Rahmen von Lehrgängen weiter. Dabei sind die kleinen Lehrgänge, die durch die Absprache weniger Dojos zustande kommen, gehaltvoller, als die Massenveranstaltungen, bei denen keine persönliche Kommunikation stattfinden kann. Ich unterscheide zwischen einem Karate-Lehrgang und einem gemeinsamen Massentraining. Jeder Lehrgangs- teilnehmer muss auch die Gelegenheit der persönlichen Ansprache und der individuellen Technikverbesserung haben. Sonst reicht eine Lehr-DVD.Mittlerweile besuche ich auch gerne einzelne Dojos während der Woche und leite dort nachmittags und abends die einzelnen regulären Trainingseinheiten wie sie am Trainingsplan stehen. So kann man am schnellsten eine unverkrampfte Trainingsatmosphäre schaffen und sieht so die Besonderheiten eines Dojos sehr konzentriert. Die anschließenden Diskussionen mit den Trainern und Dojoleitern sind immer sehr effektiv und für alle Seiten, auch für mich, sehr gewinnbringend.

Marie_Niino5 Ich habe viele Dojos kennen gelernt, die auf Grund ihrer besonderen Atmosphäre einen Vergleich mit japanischen Dojos nicht zu scheuen brauchen. Maßgeblich ist vor allem das Charisma des Dojo-Leiters. Oftmals fließen in ihm natürlich alle möglichen Funktionen zusammen: er darf die Hauptlast des Trainings tragen, die Prüfungen abnehmen, mit den enttäuschten Eltern diskutieren, seine Fortbildung als Prüfer, vielleicht sogar als Kampfrichter nicht versäumen, er muss auf die Etikette achten und die vielen Eifersüchteleien im Vereinsleben anhören, darf die Statistiken an die Verbände nicht vergessen und muss sich ständig mit dem Hausmeister anlegen und zwischen den anderen Trainern vermitteln. Bei all diesen Tätigkeiten gerät er oft mals unmerklich in einen Sog, der ihn als Zwangs- Trainingspartner der anderen verpflichtet und dabei selbst kaum noch vorankommt. Gerade in solchen Dojos fühle ich mich sehr wohl, weil ich die Zwänge sehr gut nachfühlen kann. Diese Dojo-Leiter erfüllen eine wichtige Aufgabe. Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hatte, aber es stimmt: In allem, was man mit aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück Ehre liegen. Das trifft auf viele Ehrenamtliche gerade in den kleinen Vereinen zu. Karate fühlt sich für mich von Jahr zu Jahr immer besser an. Die meisten Leser werden verstehen, was ich meine. Man muss einen Weg von draußen nach drinnen finden. Manchmal habe ich bei bestimmten Karate- Techniken dieses Flow-Erlebnis der Hochleistungs- sportler. Solch ein Gefühl, dass eine von den vielen Hundert Techniken im Training vom timing, Kraftansatz, Geschwindigkeit und der Technikausführung genau zu den anatomischen Besonderheiten des eigenen Körpers gepasst hat.

Das ist ein Moment, in dem eine Unmenge von Glücksbläschen im Gehirn platzt. Das passiert immer dann, wenn ich gewiss bin, dass alles Denken, Wollen und Fühlen zusammenfließen. Ich glaube, dass sich manche bei ihrer persönlichen Karate-Entwicklung selbst ein wenig im Weg stehen. In einem Buch habe ich es neulich gelesen; das, was oftmals bremst. Pascal Mercier lässt in einem Roman seinen Protagonisten sagen: "Man müsste eine Möglichkeit finden, sich vom Urteil der anderen und vom Bedürfnis nach Anerkennung vollständig unabhängig zu machen". Ja, das wär's! Daran arbeite ich bei mir selbst auch. Diejenigen, die sich als 4. und 5. Dane noch mit in die Trainingsreihen stellen, wie ich es u.a. bei Fritz Oblinger gesehen habe, sind da schon ein ganz schön weites Stück vorangekommen. Bei meiner eigenen Karate-Entwicklung bin ich mir mittlerweile darüber bewusst, dass ich einer gewissen Tradition verpflichtet bin. Mütterlicherseits tauchen die Wurzeln unserer Familie sehr weit in die japanische Geschichte zurück. Mein Großvater, der selbst mit seinen über 70 Jahren als Iaido-Meister immer noch mit großer Würde an Turnieren teilnimmt, sagt, dass wir auf Grund unserer familiären Samurai-Vergangenheit die Prinzipien der Kampfkünste zu pflegen haben. Diese Obliegenheit gewinnt für mich immer mehr Bedeutung und ich werde in meinem steten Bemühen nicht nachlassen.

titel-10a_2007



Eure Marié Niino
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